Spekulationen zu The vvitch

Von schwarzen Ziegenböcken und der wahren Hexe: Offene Fragen zu The vvitch

Wenn Filme zum Nachdenken anregen, sitzt man als Zuschauer im ersten Moment mit einer Menge Ideen herum, die geordnet werden wollen. Dadurch die wahren Gedanken hinter der Inszenierung eines Werkes zu finden, scheint ebenso unwahrscheinlich, wie die Intention eines Autors durch eine Interpretation im Deutschunterricht zu entschlüsseln. Aber da es einfach Spaß macht, sind im Folgenden ein paar (nicht spoilerfreie!) Gedanken zu The vvitch zu finden, die mich erst ein wenig ratlos zurück ließ, im Endeffekt aber doch einen tieferen Eindruck hinterließ, als ich zuerst vermutete.

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In The vvitch verarbeitet Regisseur Eggers den klassischen Hexenmythos, der eine streng gläubige und puritanisch lebende Familie das Fürchten lehrt. In meiner Kritik fasste ich zusammen, warum die ruhige und bedrückende Inszenierung ohne die großen Horrorfilmkeulen wie literweise Blut und Jumpscares auskommt und warum ich sie als wirklich gelungen ansehe. Doch was die Story betrifft gibt es einige Fragen, die anschließend bei mir offen blieben. Am Tag nach dem Filmerlebnis wurde auf meiner Couch daher angeregt diskutiert. Worüber ist im Folgenden zu lesen. An dieser Stelle noch einmal die Warnung: SPOILER! Ich werde im Anschluss an diese Einleitung viele Details und vor allem das Ende verraten. Und der Film ist wirklich gut. Lest diesen Text lieber, wenn ihr ihn selbst gesehen habt und gebt mir anschließend gern auch eure Eindrücke wieder. Viel Spaß beim Mitspekulieren!

  1. Augen auf beim Haustierkauf – Warum halten streng Gläubige einen schwarzen Ziegenock?

Der schwarze Philipp ist ein prächtiger Ziegenbock, den jeder Selbstversorger gern sein eigen nennen würde. Zumindest wenn man nicht daran glaubt, dass Satan in Form eines eben solchen das Diesseits betritt. In diesem Fakt sehe ich eine kleine Ungereimtheit.
Wir haben es schließlich mit gläubigen Puritanern zu tun, die – so kann man zumindest vermuten – aufgrund ihrer streng ausgeübten Religion aus einer Gemeinde ausgestoßen wurden. An den Calvinismus angelehnt praktizierten sie die Lehren der Bibel sehr strikt und sahen sich selbst als Sündenträger. Durch ein frommes Leben konnten sie dennoch von Gott erwählt werden, was in The vvitch auch zur Sprache kommt. Zudem steckt der Teufel nicht im Detail, sondern schlichtweg in allem. Warum dann nicht auch in einem Ziegenbock? Der Hysterie um das Hexentum des 17. Jahrhunderts war so stark, dass man jederzeit wegen allem möglichen angeschwärzt werden konnte. Die Verrücktheit in dieser Zeit wäre nicht so groß gewesen, wenn die Menschen nicht wirklich geglaubt hätten, dass es Hexen und Zauberei gibt und sich das Böse in Irdischem versteckt – zum Beispiel in schwarzen Tieren.
Warum hielt eine tief religiöse Familie also ausgerechnet eine der Symbolfiguren für den Teufel in entsprechender Farbe? Liegt es daran, dass die Familie ohnehin schon verstoßen wurde und somit nicht die Gefahr bestand, von anderen für den Besitz des Tieres verpfiffen zu werden? Oder daran, dass sie als Ausgestoßene nehmen mussten, was sie kriegen konnten? Beide Annahmen überzeugen mich nicht.

2. Steht ein Hexenhaus im Wald – Aber welchen Sinn hat eigentlich die Hexe?

Dass ausgerechnet eine Hexe in dem Film vorkommt, ist logisch, nicht nur weil das Werk nach einer Artgenossin benannt ist. Die mythische Figur passt genau in die anberaumte Zeit, wie bereits erklärt wurde, und ist durch eigene Kindheitserinnerungen einfach ein Favorit des Regisseurs. Wir kennen das märchenhafte Hänsel & Gretel-Bild. Hexenhäuser stehen nun mal im Wald. Irgendwo müssen Hexen schließlich auch wohnen.
Doch dass die alte Dame einfach da ist, stört mich trotzdem ein bisschen. Die Mythen hinter Gruselgestalten machen viele Filme erst richtig rund. Was wäre die Blair Witch ohne die Horrorgeschichte, die von ihr erzählt wird? Ein Wald kann einen das Fürchten lehren, doch wüssten wir nicht, was Heather, Josh und Michael verfolgt – wären wir nicht erpicht darauf, es zu Gesicht zu bekommen! – hätte der Film einen seiner Antriebsfaktoren verloren. Vor allem das Ende hätte sich bei weitem nicht so entwickeln können!

Ich finde es toll, dass Eggers das klassische Hexenbild nutzt. Vielleicht liegt diesem auch die Betrachtungsweise zugrunde, dass die Existenz der Zaubernden einfach selbstverständlich ist. Aber was ist die Funktion dieser Hexe? So wie ihr Häuschen aussieht, lebt sie schon eine Weile dort und muss entsprechend auch vor dem Umzug der Familie ausgekommen sein, ohne andere zu belästigen. Dass sie Samuel stibitzt, unterstützt eins der wohl am verbreitetsten Vorurteile über ihre Zunft und passt daher sehr gut ins Gesamtbild. Auch die Verführung von Caleb kann ich nachvollziehen. Ob es nun am Säuglingsblut liegt, dass die Waldbewohnerin auf einmal so schön wurde oder sie in diesem Moment nur ein Spiegelbild von Calebs Lust war, die seine Sünde ist und im Film mehrmals angedeutet wird, kann nicht eindeutig gesagt werden – die Darstellung ist dennoch definitiv gelungen. Dass sie aber zum Beispiel in einer der letzten Szenen vor den Augen der Kinder eine Ziege melkt, aus der Thomasin zuvor nur Blut statt Milch herausbekommen hat, ist pure Effekthascherei. Wenn sie die Kinder und anderen Tiere töten wollte, hätte sie dies einfach tun können, ohne vorher noch die Tierpflege einzuschieben. Dass sie es war, nehme ich an, da die Wunden an den Kadavern denen des Hundes glichen, den sie im Wald riss, als er sie in Hasengestalt verfolgte. Dass dieser Hase der Teufel aka Schwarzer Philipp war, glaube ich trotz der gelben Augen nicht, da sein Verschwinden auf dem Hof hätte bemerkt werden müssen und nie thematisiert wurde. Die Puritaner mögen schlicht leben, das prächtigste Hoftier zu verlieren sollte sie trotzdem stören.

Mit der Erklärung, Hexen seien nun einmal böse und würden daher jede Chance ergreifen, jemanden zu schikanieren, gebe ich mich nicht zufrieden. Plausibler klingt vielleicht, dass sie von Anfang an mit dem Teufel zusammenarbeitete, damit er sich mit der Angst der Familie stärken konnte. Dadurch bekäme die Hexe immerhin einen Sinn, der über ihr schlichtes Dasein hinausgeht. Insgesamt erscheint mir ihr Einsatz aber einfach zu willkürlich, vor allem aufgrund eines Umstands, dem ich mich im nächsten Punkt widme.

3. 1, 2 oder 3 – Wer war es denn nun?

Die Frage nach dem wahren Bösen stellt sich im gesamten Film. Was ist denn nun eigentlich das Bedrohliche in The vvitch? Um direkt an Punkt 2 anzuknüpfen: Die Hexe ist es in meinen Augen nicht. Das Problem mit ihr ist, dass sie natürlich für den Namensgeber des Films gehalten wird, es in Wahrheit aber gar nicht ist. Aber von vorn.

Bei der Suche nach dem Bösen haben wir drei Verdächtige: Die Hexe, den Teufel und Thomasin.
Im Falle des Teufels muss geklärt werden, ob und ab wann er vom Ziegenbock Besitz ergriff oder ob er schlichtweg das Tier ist. Wir wissen nicht, woher der Bock kommt, er muss aber zumindest nach dem Bau des Hauses zur Familie gekommen sein, da sie bei der Abreise aus der Siedlung noch keine Tiere bei sich hatten. Es wäre also möglich, dass Philipp die ganze Zeit der Teufel war. Ich würde mir als Fürst der Hölle das Leben zwar einfacher machen, aber als Filmemacher hätte ich mir den großen Clou durch die Verwandlung am Ende auch nicht gespart.
Wie auch immer: Das Böse im Tier tritt unabhängig von der gewählten Idee in Erscheinung, sobald die Zwillinge beginnen, mit ihm zu sprechen. Im Zuschauer keimt in diesem Moment lediglich die Vorahnung, dass der Bock etwas damit zu tun haben könnte. Interessant ist auch, dass er sich sehr lange zurück hält, um seine wahre Gestalt zu zeigen. Als er William tötet, ist er vermutlich schon Satan. Dennoch wartet er im Anschluss brav ab, bis Thomasin ihn zum Reden auffordert. Liegt hier eine ähnliche Logik vor wie bei den Vampiren, die eine Schwelle nur übertreten können, wenn sie eingeladen werden? Dies würde vermutlich bedeuten, dass der Teufel nur in den Ziegenbock gefahren ist. Was dagegen spricht, ist, dass sich die menschliche Gestalt aus dem Tierkörper erhebt und ihn dabei vollständig auflöst. Wenn der Teufel das kann, hätte er vorher nicht auf eine Aufforderung zum Reden warten müssen. Es ist kompliziert. Doch dass der Teufel vor Ort ist, lässt sich nicht bestreiten. Aber was macht er dort?

Holt er Thomasin zu sich? Das junge Mädchen ist die älteste Tochter der Familie und der Zuschauer erlebt sie als brave Helferin. Dennoch belasten sie einige Lügen in der Gemeinschaft, die leider zu ihren Ungunsten ausfallen. Als Samuel unter ihrer Aufsicht verschwindet, hängt der Haussegen natürlich noch schiefer. Kein Wunder, dass Thomasin einem der nervigen Zwillingskinder bei einer Begebenheit am Fluss so richtig Angst machen will. Oder nicht? Wie beim Teufel gibt es auch bei Thomasin eine Frage zu klären. Ab wann wird sie eigentlich zu der Hexe, als die sie am Ende mit ihren Genossinnen in den Nachthimmel aufsteigt? Es muss einen Grund dafür geben, dass sie sich am Ende ins Buch Satans einträgt. Als frommes Mädchen erzogen, sollte sie eigentlich Angst davor haben. Zumindest sollte sie abgeschreckt sein von der Brutalität, durch die ihre Familie umgekommen ist. Oder hasste sie sie so sehr, dass sie sich am Ende deshalb auf die dunkle Seite schlägt? Vielleicht denkt sie auch, durch den Tod ihrer Mutter sei sie ohnehin verdammt und hätte keine Chance mehr, zu Gott zu kommen. In diesem Fall wäre es verständlich, sich der dunklen Seite und all den unterdrückten Leidenschaften zuzuwenden, die sie nie empfinden durfte.
Die Szene am Fluss lässt aber auch noch eine weitere Option offen. Thomasin verliert dort die Kontrolle über sich. Sie geht drohend auf ihre kleine Schwester zu und sagt, sie sei die Hexe, die auch Samuel entführt hätte. Ergreift das Böse von ihr Besitz oder ist das fleißige, aber eben auch sehr junge Mädchen einfach überfordert mit den Behauptungen es gäbe eine Hexe, die Samuel entführt hat, und ihr die eigene Schuld noch einmal vor Augen führt? In ihrer Raserei schlägt sie die kleine Schwester sogar. Als es an Calebs Sterbebett zu einem Klärungsversuch kommt, beginnt eine Hexenjagd im eigenen Haus. Thomasin hätte nur im Spaß gehandelt, sagt sie, und dies ist der einzige Moment des Films, in dem sie in meinen Augen ein bisschen aus der Rolle fällt. Zumindest habe ich am Fluss keinen Spaß gesehen. Und ich denke auch nicht, dass ein Mädchen mit ihrer Verantwortung und Erziehung auf einmal die kleinen Zwillinge beschuldigen würde – so sehr sie sie auch pisacken. Diese brechen kurz darauf zusammen und wieder stellt sich die Frage: War es die Hexe von außen? Philip, der Thomasin als seinen Schützling sieht (, immerhin holt er sie am Ende ja zu sich)? Oder Thomasin selbst, die zu diesem Zeitpunkt schon auf der dunklen Seite steht und unbewusst übernatürliche Kräfte einsetzt, wenn sie sich bedroht fühlt? Vor allem, dass sie ihre Mutter später allein mit Körperkraft besiegen muss, stellt dies in Frage. Die Anfälle der Zwillinge untermauern aber auch nur die dunkle Aura im Haus und sind daher schwer jemandem zuzuordnen.

Definitiv ist aber Thomasin die Namensgeberin des Films und nicht die Waldhexe. Vor allem wenn man die möglichen Theorien um die Puritaner-Tochter betrachtet, gerät sie immer weiter in den Hintergrund. Mir drängt sich daher eine letzte Idee auf.
Könnte es sein, dass Thomasin sich die Hexe ausdenkt und eigentlich alles selbst verursacht? Nicht, weil sie selbst eine ist, sondern weil die Vorstellung in die Zeit passt und das junge Mädchen einen Kanal braucht, um mit der Realität umzugehen. Sie ist Schuld am Verschwinden des Bruders und wird von der kleinen Schwester auf die Idee gebracht, eine Hexe habe ihn entführt. Die Lehren ihrer Familie vermitteln ein sündiges Menschenbild, auch wenn sich jedes einzelne Gemeinschaftsmitglied nach Erlösung sehnt. Gott würde die seinen erkennen, sagt ihr Vater ihr. Könnte die Hexe also auch die kanalisierte Wut eines Teenagers sein, die ihn zugleich davor schützt (zumindest theoretisch) sich selbst nach dem Ableben den Weg ins Himmelreich zu verbauen? Wenn das stimmt, würden wir die gesamte Geschichte aus Thomasins Augen sehen. Was passiert, wäre für uns real, ebenso wie es für sie real ist. Dadurch erleben wir auch die Momente mit der anderen Hexe, die vielleicht gerade deshalb so exakt das Hexenklischee bedienen, weil sie einem jugendlichen Kopf entspringen, der mit diesen Bildern aufwächst. Mit der Unterschrift im Buch gibt sie sich endgültig dem Wahnsinn hin, der in der letzten Sequenz in ihrem wilden Lachen deutlich wird. Es würde sich damit um eine Art multiple Persönlichkeitsstörung á la Identität handeln, bei der sich die einzelnen Teile gar nicht bewusst sind, dass sie mit den anderen in einem Körper schlummern. Und wie bei Antichrist wären die Hexenbilder am Ende pure Einbildung des Protagonisten. Real für ihn und sichtbar für uns, aber eigentlich Produkte einer Fantasiewelt.

Fazit

The Witch ist für mich ein gelungener Horrorfilm, der vor allem durch Atmosphäre und historische Akkuranz überzeugt. Dass bei mir Fragen offen geblieben sind, tut dem keinen Abbruch – ganz im Gegenteil! Ich finde es jedes Mal spannend, wenn ein Film die Kraft besitzt, einen auf geschickte Weise zum Nachdenken anzuregen. Vor allem bei übernatürlichen Themen kann man wunderbar verschiedene Szenarien durchspielen, so wie ich es im vorangegangenen Text umzusetzen versucht habe. Sich die Fragen dadurch beantworten zu können, wird mit wachsenden Möglichkeiten immer unwahrscheinlicher. Aber es wäre ja auch langweilig, wenn immer alles offensichtlich wäre.

Ein Kommentar zu “Spekulationen zu The vvitch

  1. Ja, zum Glück wurde nich nicht darauf eingegangen warum eine Hexenschaar die offenbar aus Thale stammt ihren Blocksbergtanz in die Wälder Amerikas verlegt oder ob der reine Glaube der Puritaner das ausgelöst hat, oder ober die Hexen bei der Anreise nach Amerika mit den fliegenden Besen einen Jetleg bekommen.
    Der Film greift doch in meisterhafter Weise Detailliert die Mythen germanischer Schamaninnen aus und ist einen Aplaus. Hoffentlich gibt es noch einen zweiten Teil in dem die Herkunft geklärt wird vielleicht war es ja schon im 17. Jahundert wegen politischer Verfolgung durch die Inquisition?

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